Schloss Chartreuse

Das Quartier Chartreuse in Hünibach kennen wohl die meisten Thuner. Aber nur die wenigsten wissen dass dort vor nicht sehr langer Zeit noch ein pompöses Schloss gestanden ist. Das Schloss, wie auch die Bewohner, stand aber unter einem schlechten Stern und wurde nach dem Erbauen schon bald wieder abgerissen. Bald, wenn man in den für Schlösser üblichen Zeitskalen denkt.

Das alte Schloss

Auf dem Bild links sehen wir das alte Schloss Chartreuse in der Bildmitte und links davon der bewaldete Hügel der heute „Chartreuse“ heisst, aber  damals noch als Bächihölzli bezeichnet wurde. Der Uferbereich, die Hölzlimatt, war noch weitgehend unbebaut. Das Bild stammt von ca 1829.

Das Schloss wurde vom Schultheissen Niklaus Friedrich von Mülinen um 1807 gekauft und bis 1821 renoviert. Unter anderem hat er den markanten Turm anbauen lassen. Ab 1821 diente ihm das Schloss als Landsitz. Er hatte dort auch seine Bibliothek im oberen Stock eingerichtet. Es war die umfassenste private Bibliothek der Schweiz. Während 10 Jahren empfing von Mülinen alles was Rang und Namen hatte in der Chartreuse. Sie war ein Fixpunkt der europäischen Politik und Kultur.

1831 hat von Mülinen das Schloss aus gesundheitlichen und finanziellen Gründen verkauft, und zwar an den Pariser Bankier Rudolf Emil Adolf de Rougemont. Dessen Bruder, auch Bankier, hat überigens 6 Jahre später das Schloss Schadau gekauft.

Karte Chartreuse 1886

1844 ist de Rougement gestorben und hat das Schloss seiner Frau überlassen. Diese hat bald darauf den Baron Albert Emil Otto von Parpart geheiratet. Das Schloss Chartreuse war den beiden etwas zu bescheiden, darum haben sie ab 1861 das Schloss Hünegg gebaut. Das Schloss blieb aber in Ihrem Besitz und wurde nach Ihrem Tod 1883 mehrfach versteigert und nach einigen Wirren 1890 von Johann Gerber und seiner Frau Mathilde Flachs Gerber als zukünftiger Alterssitz für 250’000 Franken gekauft. Er starb aber unerwartet im Mai 1895 und das Schloss wurde im Januar 1896 an den Baron Moritz Kurt von Zedtwitz für 400’000 Franken verkauft. Diese Karte von 1886 zeigt eben dieses alte Schloss am Fusse des Bächihölzli.

Das neue Schloss

Von Zedtwitz hatte 1895 Mary Elizabeth Caldwell, eine reiche Amerikanerin, geheiratet. Die beiden begannen 1896 ein grösseres Schloss zu bauen. Das alte Schloss wurde zunächst als Baubüro verwendet.

Ebenfalls im 1896 wurde ihr Sohn Waldemar geboren.

Im August 1896 verunfallte aber der Baron von Zedtwitz tödlich anlässlich der Royal Albert Regatta in Southsea (Südengland), als seine Jacht Isolde (links unten) mit der viel grösseren Meteor (links oben) seines Freundes Kaisers Wilhelm II kollidierte.  Die Baronin liess darauf die Bauarbeiten am Schloss unterbrechen.

Schloss Chartreuse 1906

Das neue Schloss Chartreuse 1906

Um 1900 fasste sie neuen Lebensmut und liess die Arbeiten wieder aufnehmen. Um 1902 wurde das Schloss fertig gebaut. Das alte Schloss wurde leider bereits um 1901 gesprengt.

Im Dezember 1910 stirbt auch die Baronin nur 45 jährig. Das Schloss geht in den Besitz ihres 15 jährigen Sohnes Waldemar über. Dieser wird wohl von seiner Familie in Deutschland grossgezogen, das heisst das Schloss steht leer.

Nach dem ersten Weltkrieg, wo er an der Schlacht von Verdun teilgenommen haben soll,  emigriert Waldemar von Zedtwitz in die USA. Nur so kann er das Erbe seiner Mutter antreten. Er wird ein professioneller Kartenspieler.

1936 am Anfang des Baubooms

1936 am Anfang des Baubooms

1933 verkauft er das Schloss an eine Immobiliengesellschaft die den Park in Bauland parzelliert und verkauft. Dieser skandalöse Verkauf führt übrigens zur Gründung des „Uferschutzverband Thuner- und Brienzersee„. Kurz danach setzt ein Bauboom ein. Der Schlosspark wird mit Einfamilienhäusern zugepflastert. Die Bächimattpromenade kann glücklicherweise vom Uferschutz-verband 1936 für die Allgemeinheit gerettet werden. 1934 pachtet Hedwig Müller die Oekonimiegebäude des Schlosses und eröffnet bald darauf eine Gartenbauschule für Frauen.

Schloss Chartreuse ohne dem gesprengte Mitteltrakt. Aufnahme von 1948.

Schloss Chartreuse ohne dem gesprengten Mitteltrakt, 1948.

Das Schloss wird 1941 teilweise gesprengt. Während Jahren bleiben aber die beiden Flügel stehen und werden bewohnt. 1965 werden die letzten Reste des Schlosses abgebrochen. Halt, nicht ganz alle. Bis heute steht an der Seestrasse bei der Einmündung der Mülinenstrasse ein Rest des ursprünglichen Tores der Schlossparks. Man sieht in kaum, er ist fast vollständig verdeckt von Büschen, und doch erinnert er uns an das grandiose Schloss Chartreuse.

Quellen

Die Chartreuse;  Das Schicksal eines bernischen Landsitzes; Hans Gustav Keller; Jahrbuch vom Thuner- und Brienzersee 1948; S. 48

Hilterfingen und Hünibach: eine Gegenwart – zwei Vergangenheiten; Robert Ganz

Hilterfingen und Hünibach in Vergangenheit und Gegenwart; Fritz Häsler

Karten: www.zumbo.ch

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7 Gedanken zu „Schloss Chartreuse

  1. MaryAnn Bonino sagt:

    Auf Englisch — entschuldigen Sie mich! I am writing a book on the Gerber family. John (son of Johannes von Langnau) and Mathilde Flachs Gerber purchased the Chartreuse in 1890 as their future retirement home. He died unexpectedly in May1895, and in January 1896 his widow sold the Chartreuse to Zedtwitz. cf. „Der Bund,“ p. 3, 1/12/1933; also a book by Hans Gustav Keller, „La Chartreuse“ (Thun, 1941), pp. 74-75. Sie haben eine schöne Website.

  2. Michel Perrin sagt:

    Mich nähme noch wunder, wie es zum Namen Chartreuse (Kartäuser) gekommen ist. Weiss man das?

    • thunarella sagt:

      Der Name stammt von Niklaus von Mülinen. Der war Historiker und hat sein Schloss in einem alten gotischen Stil bauen lassen. Dies war eine Zeit der Rückbesinnung auf alte Werte nachdem man die von Frankreich aufgezwungene Helvetik rückgängig machte. Von Mülinen wollte seinem Schloss eine geschichtliche Basis schaffen indem er sich auf die Zeit bezog wo das Bächigut dem Kartäuserkloster Thorberg gehört hatte. Er hat ebenfalls eine Sitzbank bauen lassen zu Ehren des Minnesängers von Strättligen. Es gab auch das Gerücht dass an dieser Stelle einst ein Kartäuserkloster gestanden habe, was aber wohl nicht stimmt. Niklaus von Mülinen hat vermutlich die Geschichte des Bächiguts etwas überzeichnet.

  3. Gabriel Caduff sagt:

    Die Vorbesitzerin meines Hauses hat mir erzählt, dass die Böden, Kamine, Geländer usw. aus dem Schloss Chartreuse stammen.
    Gibt es Möglichkeiten, z.B. anhand von Bildern, dies zu verifizieren?

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